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Vermögensteuerrichtlinien (VStR) » Einführung » A. Vermögensbewertung » III. Sonstiges Vermögen, Gesamtvermögen und Inlandsvermögen » 79. Ermittlung des gemeinen Werts




(1) Als gemeiner Wert ist der Betrag anzusetzen, den ein Käufer
für den Erwerb eines Anteils aufwenden würde. Bei der Bemessung
des Kaufpreises wird ein Käufer im allgemeinen neben dem
Vermögenswert auch die Ertragsaussichten berücksichtigen. Die
Ertragsaussichten beurteilt er weniger nach der Verzinsung des
Nennkapitals der Gesellschaft als vielmehr nach der Rendite des
Kapitals, das er zum Erwerb des Anteils aufwenden muß. Er wird
deshalb die auf den Anteil entfallenden Erträge der Gesellschaft
mit den Zinsen vergleichen, die das von ihm aufzuwendende Kapital,
falls er es in anderer Weise anlegt, erbringen würde. Im
allgemeinen wird er nur insoweit bereit sein, einen über dem
Vermögenswert liegenden Kaufpreis zu bezahlen, als in einem
übersehbaren Zeitraum die Erträge des Anteils den Betrag dieser
Zinsen übersteigen. Er wird entsprechend weniger bezahlen, wenn
die Erträge des Anteils unter diesem Betrag liegen. Es kann davon
ausgegangen werden, daß ein Käufer, der sein Kapital in anderer
Weise angelegt hätte, nach den wirtschaftlichen Verhältnissen vom
Stichtag mit einer Verzinsung von etwa 8 v.H. rechnen konnte. Bei
den anschließenden Berechnungen ist von einem Zinssatz von 8 v.H.
auszugehen. Als noch übersehbar ist ein Zeitraum von fünf Jahren
anzunehmen.

(2) Der gesuchte, in einem Hundertsatz ausgedrückte gemeine
Wert eines Anteils (X) ergibt sich demnach aus dem in einem
Hundertsatz ausgedrückten Vermögenswert des Anteils (V), erhöht
oder vermindert um den Unterschiedsbetrag zwischen dem
Ertragshundertsatz des Anteils, berechnet auf fünf gedachte Jahre
(5 E), und der Verzinsung des aufzuwendenden Kapitals, ebenfalls
berechnet auf fünf gedachte Jahre. Da die Höhe des aufzuwendenden
Kapitals gleich dem gesuchten gemeinen Wert ist, ist dieser
letztere Hundertsatz mit
5 (8 x) in die Rechnung einzusetzen.
---
100
Insgesamt ergibt sich folgende Gleichung:
X = V + 5 (E - 8 x).
---
100
Die Auflösung der Gleichung ergibt:
X = 71,43 (V + 5 E).
-----
100
Der Hundertsatz von 71,43 wird zur Vereinfachung auf 70
abgerundet. Als gemeiner Wert sind also 70 v.H. der Summe aus
Vermögenswert und fünffachem Ertragshundertsatz anzusetzen. Der
den gemeinen Wert ausdrückende Vomhundertsatz ist auf einen vollen
Punkt nach unten abzurunden.
Beispiel A:
Stammkapital 90.000 DM
Vermögen 120.000 DM
Abschlag % 18.000 DM
-----------
verbleiben 102.000 DM
Vermögenswert 113,33 v.H.
Durchschnittsertrag 9.000 DM
abzüglich 30 v.H. von
9.000 DM = % 2.700 DM
-----------
verbleibender Durchschnittsertrag 6.300 DM
Ertragshundertsatz 7 v.H.
Gemeiner Wert: 70 x(113,33 v.H.+5x7 v.H.)=
---
100
70 x148,33 v.H.= 103,83 v.H.
---
100
abgerundet 103 v.H.
Beispiel B:
Stammkapital 30.000 DM
Vermögen 100.000 DM
Abschlag % 15.000 DM
-----------
verbleiben 85.000 DM
Vermögenswert 283,33 v.H.
Durchschnittsertrag 30.000 DM
abzüglich 30 v.H. von
30.000 DM = % 9.000 DM
-----------
verbleibender Durchschnittsertrag 21.000 DM
Ertragshundertsatz 70 v.H.
Gemeiner Wert: 70 x(283,33 v.H.+5x70 v.H:)
---
100
= 70 x633,33 v.H.= 443,33 v.H.
---
100
abgerundet 443 v.H.

(3) Besondere Umstände, die in den bisherigen Berechnungen
nicht hinreichend zum Ausdruck gekommen sind, können noch durch
Zu- und Abschläge berücksichtigt werden. Vorteile, die eine
Kapitalgesellschaft aus der Verbindung zu anderen Unternehmen der
Anteilseigner zieht, sind nicht durch einen Abschlag zu
berücksichtigen (BFH-Urteil vom 17.12.1982, BStBl 1983 II S. 192).
Ein Abschlag ist z.B. bei den Gesellschaften geboten, bei denen
nachhaltig unverhältnismäßig geringe Erträge einem großen Vermögen
gegenüber stehen. Bei der Entscheidung, ob unverhältnismäßig
geringe Erträge vorliegen, sind die Erträge aus Beteiligungen mit
zu berücksichtigen, denn die Höhe der Verzinsung richtet sich nach
der nachhaltigen Verzinsung des eingesetzten Gesamtkapitals
(BFH-Urteil vom 23.7.1971, BStBl 1972 II S. 5). Unverhältnismäßig
geringe Erträge werden unterstellt, wenn die Rendite, d.h. das
Verhältnis von Ertragshundertsatz zu Vermögenswert, weniger als
4 v.H. ausmacht. In diesem Fall beträgt der Abschlag jeweils
3 v.H. des gemeinen Werts vor Abschlag für eine Renditeminderung
von 0,4 v.H. Hiernach ergeben sich folgende Abschläge:
bei einer Rendite Abschlag in v.H.
unter 4,0 v.H. bis 3,6 v.H. 3
unter 3,6 v.H. bis 3,2 v.H. 6
unter 3,2 v.H. bis 2,8 v.H. 9
unter 2,8 v.H. bis 2,4 v.H. 12
unter 2,4 v.H. bis 2,0 v.H. 15
unter 2,0 v.H. bis 1,6 v.H. 18
unter 1,6 v.H. bis 1,2 v.H. 21
unter 1,2 v.H. bis 0,8 v.H. 24
unter 0,8 v.H. bis 0,4 v.H. 27
unter 0,4 v.H. 30
Demgemäß ergibt sich bei einem Ertragshundertsatz von 0 v.H. ein
gemeiner Wert von 49 v.H. des Vermögenswerts.
Beispiel:
Vermögenswert (wie Beispiel A) 113,33 v.H.
Durchschnittsertrag % 2.700 DM
Ertragshundertsatz 0 v.H.
Gemeiner Wert
vor Abschlag: 70 x(113,33 v.H. + 0 v.H.)= 79,33 v.H.
---
100
Abschlag bei Rendite von 0 = 30 v.H.
Gemeiner Wert nach Abschlag:
(100 v.H. - 30 v.H. =)
70 v.H. von 79,33 v.H.
oder 49 v.H. von 113,33 v.H. = 55,53 v.H.
abgerundet 55 v.H.

(4) Die schwere Verkäuflichkeit der Anteile und die
Zusammenfassung aller oder mehrerer Anteile in einer Hand begründen nicht ohne weiteres einen Abschlag oder einen Zuschlag. Umstände, die auf den persönlichen Verhältnissen der Gesellschafter beruhen, müssen bei der Wertermittlung außer Betracht bleiben (BFH-Urteil vom 10.12.1971, BStBl 1972 II S. 313). Bei der Bewertung der Anteile einer Familien-GmbH, bei der sich die nahe verwandten Anteilseigner gegenseitige Beschränkungen bei Veräußerung und Vererbung der Anteile auferlegt haben, kommt wegen dieser Beschränkungen keine Abschlag in Betracht (BFH-Urteil vom 11.7.1967, BStBl III S. 666). Sind am Stichtag außer Gründungsgesellschaften auch andere Anteilseigner an der Gesellschaft beteiligt, kommt ein Abschlag bei den später
eingetretenen Gesellschaftern in Betracht. Für die Bewertung der
Anteile der Gründungsgesellschafter gilt dies dann, wenn die
Gesellschafter einzeln oder gemeinsam die für eine Änderung des
Gesellschaftsvertrags erforderliche Mehrheit nicht haben
(BFH-Urteil vom 23.7.1971, BStBl 1972 II S. 4). Ob die
Verfügungsbeschränkung in diesen Fällen eine ins Gewicht fallende
Beeinträchtigung darstellt, ist gesondert zu prüfen. Ein Abschlag
ist nicht gerechtfertigt, wenn Verkäufe zwar nicht an
Außenstehende, jedoch an Gesellschafter und an die Gesellschaft
mit Zustimmung der Gesellschafterversammlung zulässig sind
(BFH-Urteil vom 24.1.1975, BStBl II S. 374 unter Nr. 4 der
Gründe). Ein Sonderabschlag wegen der bei einem Verkauf der
Anteile oder bei einer Liquidation der Gesellschaft anfallenden
Ertragsteuern kommt nicht in Betracht (BFH-Urteil vom 6.4.1962,
BStBl III S. 253). Bei einer Unterkapitalisierung kann sich ein
verhältnismäßig sehr hoher gemeiner Wert ergeben. Dieser Umstand
rechtfertigt für sich allein keinen Abschlag. Ein Abschlag wegen
Fehlens eigener Betriebsgrundstücke und -gebäude kommt nur in
Ausnahmefällen in Betracht, insbesondere wenn mit einer
alsbaldigen Beendigung der Nutzungsmöglichkeiten zu rechnen ist
und der Betriebsablauf dadurch nachhaltig beeinträchtigt wird
(BFH-Urteil vom 16.4.1984, BStBl II S. 547).

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